Was dieser Blog will – und was nicht!

By wahlkampfanalyse2009

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Das bekannteste philosophische Werk, das sich mit der Kunst der falschen, schiefen Rede, der Kunst der Verdrehung von Argumenten befasst, ist Schopenhauers berühmte Eristik. Und es ist denn auch das vermutlich einzige philosophische Werk, das von Spin-Doctors und PR-Agenten goutiert wird.

In diesem Werk, meines Erachtens eines der wichtigsten der Philosophiegeschichte, finden wir in der Tat alle argumentativen Kunstgriffe, die es einem erlauben – und diese Definition Schopenhauers ist natürlich wesentlich! – vor sich selbst wie vor anderen Recht zu bekommen, egal, ob man nun Recht hat oder nicht. Es geht also um den Anschein des Rechts, nicht darum wirklich Recht zu haben – wohl aber können die Sätze, zu deren Gunsten man mithilfe von dirty tricks argumentiert hat, zufällig richtig sein. „Also die objektive Wahrheit eines Satzes und die Gültigkeit desselben in der Approbation der Streiter und Hörer sind zweierlei.“

Historisch ist es wohl kein Zufall, dass diese Eristik erst erarbeitet wurde, als das Herstellen von öffentlicher oder veröffentlichter Zustimmung im Zeitalter des beginnenden Parlamentarismus zu einem Machtfaktor wurde. Vorarbeiten, von Schopenhauer übersehen, hat Machiavell geleistet (allerdings haben wir von Machiavell nur einige allgemeine Bemerkungen, keine Eristik). Zeitgleich mit Schopenhauer hat, wenn auch unschärfer, der schottische Parlamentarier (sic!) Hamilton seine Bemerkungen publiziert.

Etwas schwierig ist die Abgrenzung zur Rhetorik, die nun zweifelsfrei schon in der Antike entwickelt wurde. Die Übergänge sind sicherlich fließend, und einige meiner Leser werden den Unterschied glatt leugnen. Gut, wir wollen uns darüber nicht streiten. Ich schlage jedoch versuchsweise folgende Erklärung vor: Rhetorik lehrt die offen parteiische, Eristik die verdeckt parteiische Rede. Denn klassische Rhetorik lehrt überwiegend Stilmittel, wer rhetorisch kämpft, operiert sicherlich parteiisch, aber mit offenem Visier. Eristik lehrt, wie man trickst – bis hin zum Rattenficken. Rhetorik manipuliert formal, Eristik inhaltlich. (In diesem Sinne ist die berühmte Rede Marc Antons in Shakespeares Caesar – „Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“ – nicht nur ein Beispiel für gelungene Rhetorik, sondern auch eines für gelungene Eristik, für inhaltliche Manipulation).

Ganz zweifellos ist die Auseinandersetzung mit den insbesondere inhaltlichen Manipulationen, die in der politischen Unterredung derzeit wie alle Zeit zu beobachten sind, eine wesentliche Voraussetzung dafür, politisch zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen.

Ich will jetzt gar nicht sagen, dass die Manipulation als solche zugenommen hat. Schon Bismarck wusste sehr genau, was er wann, wie, wo der Kreuzzeitung stecken muss. Was sich, in Abgrenzung speziell zu den 70er/80er Jahren des 20. Jhdts, seit einiger Zeit verändert hat: Es ist uniform geworden. Von BILD und „Fokus“ und FAZ – dort sowieso – über den SPIEGEL, der in den letzten etwa 10, 15 Jahren einfach eine grauenhafte Entwicklung durchgemacht hat, bis hin zur FR und zur taz: Immer das gleiche. Das Parteilied des Neoliberalismus („Ja der Markt und die Rendite, die ham immer Recht“). Die Uniformierung war nie vollständig. Ich erinnere mich – auf dem Höhepunkt des neoliberalen Wahnwitzes – an einen klug formulierten Aufsatz von Jens Jessen, der dem Neoliberalismus regelrecht (und begründet) Elemente totalitären Denkens nachwies. Aber der Gleichschritt war doch fast total. Erst seit etwa einem Jahr, seit die Krise sich zuspitzte, vermeine ich hie und da – manches Mal sogar im Spiegel – ein Löcken gegen den Stachel vernommen zu haben. Und seit dem akuten Ausbruch der Krise bekommt man zur Abwechslung mal richtig Spannendes geboten; etwa Schirrmachers Eingeständnis des Scheiterns.

Wie auch immer: Der Fall Ypsilanti, der in Wahrheit ein Fall der deutschen Medienlandschaft war, belehrt einen, wie machtgeschützt die, die jahrelang nur in eine Richtung marschierten, immer noch operieren. Sicher, der Neoliberalismus ist geistig tot, und das ist gut so und richtig so. Aber seine verwaisten Kinder kämpfen um ihre Vergangenheit, also um ihre Zukunft. „Es kann ja nicht alles falsch gewesen sein. Wenn wir schon nicht Recht hatten: Die anderen hatten auch Unrecht! Herrschen können wir nicht mehr. Aber Euch mit kaputt machen – das können wir noch!“ – das ist der psychische Hintergrund jener haßerfüllten Hetze speziell gegen Andrea Ypsilanti, die Ausmaße angenommen hat, die selbst ich nicht für möglich gehalten hätte. Von „Sekte“ lese ich da, und der neue SPD-Spitzenkandidat wird von Herrn Müller-Vogg – Experte für Wahrheit und Menschenanstand – aufs übelste gemobbt. weil er einen Doppelnamen trägt, was Herrn Müller-Vogg einen Scheibenkleister anzugehen hat.

Dieser Blog hat die Aufgabe, daran zu arbeiten, für das Wahljahr 2009 eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, ein Kampagnen- ein Eristik-Beobachter sozusagen. Ein „spin-early-warning-system“, wie es ein Feynsinn-Mituser so herrlich ausdrückte.

Es geht mir nicht um Parteipolitik.
Es geht mir darum, den Mythen, Kampagnen und Ausstreuungen, die die Mainstream-Medien derzeit, und gerade derzeit, per Eristik in großer Zahl transportieren, etwas entgegenzusetzen. Nur drei Beispiele unter unzählig vielen: Wenn BILD in Person Müller-Voggs (ja, der wieder!) uns Angela Merkel andient als eine Politikerin, die seit Jahren heftig für eine Regulierung der Finanzmärkte gestritten habe, während sie tatsächlich natürlich die politische Verantwortung für die gesetzlich unter ihrer Kanzlerschaft betriebene massive Deregulierung trägt… wenn die INSM uns als Gremium von nur an der Sache orientierten Experten verkauft wird, während es sich in Wahrheit um eine Lobby-Orga handelt, die nicht einmal davor zurückschreckt, in die scripts von TV-Vorabendserien hinein zu redigieren… wenn in Hamburg und Hessen zwei absolut identische Fälle uns als „Lügilanti“ versus „charmante neue Möglichkeiten“ angedient werden (sie sind nicht mal identisch: In Hamburg wird weiterhin kräftig gelogen, mit Moorburg, Studiengebühren und Büchergeld! Niemanden störts!)… dann ist ein Zustand orwellschen Neusprechs erreicht, den ich für nicht mehr tragbar halte.
Hier sind Transparenz und Aufklärung vonnöten.

Ich bitte alle Blogger, die sich diesem Ansatz verpflichtet fühlen, diesen Blog zu unterstützen, sei es, indem sie direkt mitarbeiten, sei es, indem sie ihre Manipulationsanalyse zur Verfügung stellen. Und allemal, indem sie verlinken.

Es geht mir in diesem Blog dabei, bitte, nicht um allgemeine politische Diskussionen – soviel Platz haben wir in unseren privaten Blogs auch -, sondern eben um argumentationstheoretisch sauber ausgearbeitete Nachweise von Manipulationen. Das verstehe ich völlig parteineutral. Dieser Blog steht selbstverständlich auch den Roland-Koch-Freunden zur Verfügung, wenn sie nachweisen wollen, dass der brutalstmögliche Aufklärer wider alle öffentlichen Belege nichts mit den obskuren jüdischen Vermächtnissen der Herren Kanther und Sayn-Wittgenstein zu tun hatte.

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2 Antworten zu “Was dieser Blog will – und was nicht!”

  1. aebby sagt:

    Hallo Hartmut,

    ich habe drüben bei Feynsinn mitgelesen und bin hierher gekommen. Was mir gefällt ist ist die klare Zielsetzung gegen einen der unerträglichsten Mechanismen. Meine Unterstützung hast Du, zuerst mal nur in der Blogroll. Ich werde aber auch ein paar meiner Beiträge umarbeiten und zur Verfügung stellen bzw. meinen Schwerpunkt meiner politischen Beiträge entsprechend verschieben.

    viele Grüße Aebby

  2. michael1366 sagt:

    Meine Unterstützung hast Du,

    die Idee finde ich hervorragend. Mein kleiner Beitrag kann zuerst nur sein, den Link zu diesem Blog weiterzuverteilen, und evtl. als Neuwahl-Betroffener Hesse Infos von vor Ort beizusteuern.
    Trotzdem viel Erfolg!!

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